Keine Tochter

Jeden Morgen stehe ich am Schrank einer meiner Söhne und suche passende Sachen raus. Wenn ich ihn da ziehen lasse endet das in Chaos, also wird gefragt worauf er Lust hat. Ich hole ein, zwei Strumpfhosen raus. Ein, zwei Leggins. Die lege ich ihm hin und er sagt mir was er möchte. Dann die klassische Frage, auf die ich die Antwort schon kenne: „Jeans?“ „Nein!“. „Rock?“ „Jaaaa“.

Also. Leggins an, Rock an und Longsleeve rausgesucht. Das dunkle mit dem Dino? Neee. Das türkise mit dem rosa Herz? „Ja, HERZEN!“ Und drüber über den kleinen Kerl. Fünf Minuten später steht dann ein Junge in Türkis (Rock und Longsleeve) und roter Leggins vor mir. „Spiegel ist im Schlafzimmer“. Weg ist er und ich höre nur „Sieht gut aus“-Gemurmel. Das Spiel machen wir seit wenigen Monaten. Vorher gab es immer Krieg. Strumpfhose an. Geht noch. Der Pullover wird schon schwieriger. Jeans an – Terror.. Geschrei.. Dann keine Lust mehr. Auf Kita schon gleich gar nicht.

Nun ist es aber besser. Angefangen hatte es mit einem blauen Rock und weißen Herzen. Hatten wir hier, weil es jemand wegschmeißen wollte. Dafür war der aber zu schade. Also hoch zu uns, einmal waschen und gut ist. Braucht bestimmt mal jemand und wenn nicht dann der Kindergarten. Es gab wieder morgendliches Gezeter um die Klamottenfrage und ich hatte keine Lust mehr. „Dann zieh doch den Rock an.“ Poltere ich. Ohren auf, Kind zu mir. „Okay.“ „Echt jetzt?“ „Ja.“ Dann gut. Jeans in die Ecke. Rock drüber. Hoffen, dass es nicht zu kalt wird. Kein Gemecker, kein Schreien und ein glückliches Kind. Was wollte ich mehr um halb 8 Uhr morgens.

Alles im allem gefiel im das besser. Haben dann neue Sachen besorgt. Ein paar Sachen passten (Mädchen dürfen ja nur hauchdünne, eng anliegende Sachen tragen.), ein paar waren blöd und einiges toll. Je freundlicher umso besser. Und so liegen neben all den blauen T-Shirts, den dunklen Pullovern, den grünen Jacken auch rote (Bessere Hälfte: „Koralle“) Leggins und türkise Röcke in seinem Schrank. Erstere bleiben häufiger liegen, letzter werden umso häufiger verwendet. Derzeit ist ein blau-weiß gestreiftes Kleid sehr beliebt.

Interessant waren die Reaktionen in der KITA. Erster Tag im blauen Rock, nur die Gruppenleitung anwesend. War noch okay. Rückfrage wie er sich denn einen Rock aussuchen kann wenn wir nur Jungs haben. Kurz erklärt. Hingenommen. Eine Mutter musste sich vergewissern, dass man sich keine „Sorgen machen müsse“ wenn der Junge „Mädchensachen trage“. Trügerische Blicke an allen Enden. Auch als es bunter wurde, war es noch okay. Man nimmt es hin. Wir warten noch auf das Gespräch, wenn es denn kommt.

Auf der Straße sieht es schlimmer aus. Erst halten Ihn alle für ein Mädchen und sprechen ihn so an. Geht ja auch nicht anders, fällt ja nicht auf, was drunter ist. Wenn wir dann aber nach ihm rufen, beginnt das Unverständnis. Die vorwurfsvollen Blicke kreisen, Abscheu wächst. Man kann es spüren. Wir machen uns Sorgen. Sorgen um das was noch kommen kann. Ablehnung, Anfeindungen, Unterstellungen, Hass. Uns gegenüber, kein Problem, wir kämpfen. Aber auch Ihm gegenüber. Wird er es ertragen können? Aber noch merkt er nichts. Er ist nämlich glücklich.

33 Kommentare bei „Keine Tochter“

  1. Ich finde es wunderbar das ihr euer Kind so annehmt wie es ist. Wir brauchen Querköpfe, Andersdenkende und bunte Menschen. Ich wünsche euch und dem tollen Kleinen Mann alles gute😊

    1. Vielen Dank. Schön auch mal so etwas zu hören und nicht immer nur verwirrte Blicke zu kassieren. 🙂

  2. Dein Sohn kann sich sehr glücklich schätzen so eine tolle Mutter zu haben! Find es echt klasse 🖒🖒🖒

    1. Vielen Dank. Der schreibende Vater freut sich auch darüber.. 😀

  3. Warum sollte es so schlimm sein,wenn Jungs auch Röcke und Kleider tragen? Meine beiden Räuber mögen es auch,mit dem Hintergrund wissen,das früher es überall so war,sowie in Schottland als Tracht.Sie finden die schön beim tanzen und turnen und gemütlich,besser als Jeans und co. Ich finde es nur zu gerecht und normal,wenn jungs auch Röcke und Kleider tragen wie Mädchen Hosen.. Hut ab und weiter mit unseren kleinen Räubern,die wissen was sie wollen und es auch tun was sie denken und fühlen <3

    1. Vielen Dank. Das machen wir. 🙂

  4. Christin Handick sagt: Antworten

    Ihr seid tolle Eltern. Aber ich kann verstehen, dass dein Herz schmerzt beim Gedanken an die Reaktionen eurer Mitmenschen . Anderssein ist nie einfach. Und als Mutter daneben stehen zu müssen ist nur grausam. Viel, viel Kraft für dich und deinen wundervollen Sohn

  5. Ach ist doch egal Hauptsache euer Junge ist glücklich ….. Klar schaut die Gesellschaft komisch,aber ist halt so in unseren Köpfen verankert. Jungs tragen blau und Hosen,Mädchen rosa und Röcke – aber warum ???? Lasst eueren jungen ruhig selbstbestimmt sein,er wird wissen was ihm gefällt und wann ihm etwas nicht mehr gefällt …..Kopf hoch wird schon schief gehen und lasst die Leute reden . Ihr seid super Eltern , und das ist was zählt für euer Kind .

    1. Danke. Wir geben unser Bestes. 🙂

  6. Steffi Poneß sagt: Antworten

    Wunderbar geschrieben! Da geht einem das Herz auf, dass es noch solche Eltern gibt, die so offen und tolerant sind!
    Ich versuche bei uns auch dieses Schubladen-Denken zu vermeiden. Dieses „das ist typisch Junge, das typisch Mädchen “ ist einfach ätzend! Und die Blicke erst, wenn der Sohn mit dem rosa Fahrrad der Schwester fährt!
    Euch alles Gute für euren weiteren Weg, ihr macht das super!

    1. Danke schön. Den wünschen wir euch auch. Und über die Blicke einfach hinwegsehen. 🙂

  7. Wie liebevoll!! Wie schön, dass das Glück eures Kindes euch so am Herzen liegt! Ich wünsche euch viele Menschen, die das erkennen und euch im Alltag unterstützen!

    1. Vielen Dank. Wir geben das gern zurück.

  8. Macht weiter so. Lasst euren Sohn seinen Weg finden, denn nur so wird er auch später glücklich. Es wird nicht immer einfach, aber was im Leben ist das schon? Aufgeschlossenheit, Verständnis und Liebe wirken dabei Wunder und helfen sehr. Lasst euch nicht unterkriegen.

    1. Danke. Wir bleiben stark. 🙂

  9. Letzten Endes ist er doch nur ein Kind – ein glückliches Kind! Somit habt Ihr alles richtig gemacht! Liebe Grüße, Sonja

  10. Bei uns ist es genau anders rum. Meine 9 jährige Tochter liebt Jungssachen und trägt inzwischen auch die Haare kurz. Natürlich wird sie deshalb auch regelmäßig für einen Jungen gehalten, was sie aber überhaupt nicht stört. Manchmal sind das wohl einfach Phasen und manchmal bleibt es so. Wir warten es mal ab 😉

    1. Mehr kann man auch nicht machen. Aber ihr macht das schon richtig. Da sind wir uns sicher. 🙂

  11. Ich finde es herrlich wie ihr es annimmt. Ich weiß nicht, ob ich diese Leichtigkeit gefunden hätte!
    Ich finde es wichtig, dass es eurem Sohn gut geht, dass er glücklich ist und hoffe sehr, dass er dank eurer Unterstützung die verwirrten Blicke der fantasielosen Menschen um ihn herum ignorieren kann!

    1. Vielen Dank. Das hoffen wir auch. 🙂

  12. Ich findes es toll, dass ihr euren Sohn in seinen Interessen stärkt. Nichtsdestotrotz ist ein schwieriges Thema. Kinder sind sehr tolerant und akzeptieren einfach vieles ohne zu hinterfragen, was einfach bewundernswert ist. Leider triff das nicht nicht ganz so häufig auf die Eltern zu , denn deren Verhalten und Ansichten werden zumeist automatisch übernommen, so dass es eventuell auch zu negativen Reaktionen unter den Kinder kommen kann.
    Meine Tochter hat es lange Zeit geliebt in Jungsklamotten rumzurennen, ich habe ihr immer ihren Willen gelassen und sie daran auch bestärkt, dass du zu tun was sie glücklich macht. So dass unsere Kinderzimmer als auch ihre Kleidung von diversen Superhelden, wie Batman, Spiderman und Star Wars geprägt ist/ war. Doch bei Mädchen scheint dies in der Gesellschaft leichter akzeptieren zu werden. Sie wurde zwar häufig einfach belächelt , dennoch waren die Leute sich nicht zu schaden um meine Tochter darauf aufmerksam zu machen, dass dies doch eigentlich nix für Mädchen sei.
    Irgendwann wurden ihr die Kommentaren von den Eltern und deren Kinder dann doch zuviel, so dass sie sich entschied, diese Kleidungsstücke nur noch zu Hause zu tragen.

    Vielleicht ist es bei euch nur eine Phase, vielleicht auch nicht, aber wenn kümmerst? Hauptsache er ist glücklich.

    1. Das ist Schade für deine Tochter. Aber ja, diese Freizeitpädagogen sind schwer erträglich. Vor allem wenn die dann direkt mit dem Kind sprechen und nicht erstmal zu einem kommen. Ich finde es furchtbar seine Meinung so direkt gegenüber einem lernenden und beeinflussbaren Wesen drauf zu hämmern.
      Ich hoffe Sie findet den Mut, mit der Stärke ihrer Mama zusammen, sich auch wieder in der Öffentlichkeit ausleben zu können.

  13. Gänsehaut… Bewunderung… Dankbar (für Eure offenen Gedanken)…

    Ich habe auch zwei Jungs, beide mögen ihre „Jungssachen“ und ich frage mich die ganze Zeit: was würde ich tun? Wäre ich so cool, so gelassen wie ihr? Oder würde ich anfangen Blödsinn zu reden: „das ist nur was für Mädchen“? Ich weiß es nicht…
    Aber ich wünsche es mir, denn Kathrin1303 hat es in ihrem Kommentar auf den Punkt gebracht: wir brauchen mehr so tolle Kinder und Eltern!

    1. War für mich persönlich ganz am Anfang auch seltsam. Man hängt doch sehr in den „klassischen Rollenbildern“. Aber wenn man dann sieht wie glücklich der ist, geht das ganz schnell vorbei.

  14. Ich würde sagen ihr mqcht alles richtig euer Sohn ist glücklich ihr habt keinen Stress mehr morgnes und ihr seit klasse weil ihr ihn unterstützt

  15. Ich finde es bewundernswert. Es gibt nicht viele eltern die sowas unterstützen. Mein sohn ist genauso er hat zwei kommoden einen mit jungssachen (meist die sachen von seinem älteren bruder) und einen mit mädchensachen. Er ist stolz und glücklich, und dass macht mich auch glücklich. Da wir dadurch auch kein stress mehr haben. Und er hat noch das glück dass sein großer bruder hinter ihm steht. Für ihn ist es normal. Was nicht normal ist sind die blicke und die dummen komentare wie wir das unterstützen können. Aber ich unterstütze nur die entscheidung meines kindes glücklich zusein, so wie er ist und sich fühlt.

    1. Schön zu hören, dass wir nicht alleine sind.

  16. Ja das kenne ich von unseren Sohn auch. Er möchte lange Haare, wie seine Freundin, aber eigentlich noch viel länger… bis zum Boden. Und Leggins sind der Hit. Eine ganze Zeit musste er auch geschminkt in die Kita, weil ich das ja auch mache. Also hat er sich selber „verschönert“. Irgendwann stand er vor dem Schrank mit der Frage: „Wo ist mein Rock? “ Dabei hatte er noch nie einen besessen. Der musste schleunigst besorgt werden. Ich finde es einfach herrlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Kinder ausprobieren. Sollen sie doch! So einfach wird es nie wieder in ihrem Leben sein.

    Also: weiter so!

    1. Das ist absolut klasse. „Wo ist mein Rock?“ 😀

  17. […] einiger Zeit schrieb ich über unseren Mittleren, da er gerne Röcke und „typisch mädchenhafte“ Klamotten […]

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